In Shiraz werden wir bereits erwartet: Afshin und seine Familie wohnen in einem ruhigen, alten Quartier am Stadtrand von Shiraz. Die Stadt erscheint uns auf den ersten Blick unspektakulär. Sandfarbene, mehrstöckige Häuser, niedere Wohnquartiere, Mandarinen- und Maulbeerbäume an den Strassenrändern. Hier und dort ein Park mit etwas mehr Grünfläche. Auch hier sind die Flussbetten ausgetrocknet und die Stadt wird eingerahmt von kargen, schroffen Felsen. In Afshins Wohngegend geht es schon etwas lebendiger zu und her: Hier leben viele afghanische Familien, die bereits seit dem Einmarsch der Sowjetunion in den 90er Jahren hier ein neues Zuhause gefunden haben. Überall spielen Kinder in traditionellen afghanischen Kleidern in den Gassen, an kleinen Ständen werden allerlei Waren verkauft, Jungs fahren ihre Räder aus und wir holpern über die ungepflasterte Strasse in unser temporäres Zuhause.
Die nächsten Tage vergehen wie im Flug. Afshin findet Zeit, mit uns kreuz und quer durch die Stadt zu pedalen und mehrmals beenden wir unsere Tage mit einer Runde Ping Pong im riesigen Freedompark. Wunderbar, die Stimmung dort: Ein bisschen fühlt es sich an wie ein Sommerfestival. Die Kopftücher hängen lockerer als gewohnt, junge Leute spielen Volley-, Feder- und Faustball, Velofahrer und Rollerbladers kurven herum, Familien sitzen auf Picknickdecken und rauchen Shisha, ältere Männer spielen lautstark «Gruppenschach», alle scheinen miteinander zu plaudern und auch wir sind immer wieder in Gespräche mit eigentlich Fremden verwickelt.
Ein ganz besonderes Erlebnis ist die Einladung für die allwöchentliche Zusammenkunft der Grossfamilie. Als wir eintreffen, sitzen bereits an die zwanzig Familienmitglieder auf Kissen im grosszügigen Garten, trinken Tee, essen Kuchen und scherzen miteinander. Eine Lichterkette verbreitet angenehmes Licht, an den Fruchtbäumen reifen Orangen, Mispeln und Granatäpfel und bald tollt sich die ganze Gruppe in die grosse Stube, wo die Frauen bereits ein leckeres Abendessen aufgetischt haben. «We are all Cousins», erklärt uns eine junge Frau und beginnt die engen Verwantschaftsverhältnisse zu erklären. Tatsächlich, mehrere der Ehepaare hier sind wirklich Cousine und Cousin; offenbar ist das im Iran kein Problem. Nur eine der jungen Frauen hat einen Ehemann ausserhalb des Clans auserwählt. Auch das ist gar kein Problem und heute kommen wir in den Genuss seiner Kochkünste. Die Grossfamilie trifft sich einmal pro Woche für einen ganzen Tag und jedes Mal übernimmt eine andere Partei das Kochämtli. Später tausche ich mich mit den Frauen aus und Louie spielt eine Partie Karten. Was für ein schöner Abend!
Nach drei Tagen verlassen wir die Stadt. Dank einer Kombination aus radeln und Autostopp schaffen wir es bald raus aus dem Verkehr. Erwähnenswert ist unsere Mittagspause: Mangels Alternativen klettern wir über einen Zaun in einen kleinen, schattigen Park. Wir breiten unser Picknicktuch aus, essen und machen es uns gemütlich. Bald kommt der Besitzer zurück und wir hätten grösstes Verständnis dafür, wenn er uns bitten würde, doch bitte seinen Garten zu verlassen. Stattdessen bringt er uns eine anständige Picknickdecke und Tee. Damit nicht genug, bald pflückt er uns frische Mispeln von einem Baum, seine Frau pickt Maulbeeren und für unseren Mittagsschlaf werden uns Kissen gereicht. Unglaublich ist sie, diese selbstverständliche Gastfreundschaft. Natürlich plaudern wir auch noch über unsere Reise, teilen unser Instagram (outcycling21) mit den netten Leuten und als wir uns schliesslich wieder auf den Weg machen, haben wir schon fast das Gefühl, uns von Freunden zu verabschieden.
Schon am nächsten Tag wird es wieder abenteuerlich. Wir entschliessen uns, einige zusätzliche Höhenmeter in Kauf zu nehmen und dem nahen Tange Hagher Canyon einen Besuch abzustatten. Eine ausgezeichnete Entscheidung, die uns aber erst einmal in eine Sackgasse fahren lässt: Die verdächtig autofreie Strasse bringt uns direkt in einen Stausee. Offensichtlich wurden die «open maps» dieser Welt noch nicht über die Flutung des Tales informiert. Eine Nomadenfamilie deutet auf den Weg zur neuen Strasse hoch oben am Hügel und eine schweisstreibende Stunde später, die wir mit Schieben und Zuckertiefs auf steilen Kiespisten verbringen, haben wir endlich wieder Asphalt unter den Rädern.
Die Strasse windet sich in wunderbaren Serpentinen zur Passhöhe hoch, doch auf halbem Weg haben wir unser heutiges Ziel erreicht. Vor uns führt eine felsige Plattform direkt an den Rand des Canyons und wir staunen einmal mehr über die grandiosen Landschaften, die der Iran zu bieten hat. Wir schlagen unser Zelt auf einem windstillen Boden auf, beobachten die unzähligen Vögel, die in der Schlucht elegante Segelmanöver vollbringen, liegen auf den Bauch, um in die wirklich tiefe Tiefe zu gucken, kochen uns ein leckeres Abendessen und freuen uns auf das Erwachen an diesem eindrücklichen Ort.
Am Vormittag erreichen wir die Passhöhe und werden mit einer fantastischen Abfahrt belohnt. Es gibt kaum Fahrzeuge auf dieser abgelegenen Strasse, die Aussicht ist wunderbar und die zahlreichen Kurven lassen sich so richtig geniessen.
Heute haben wir eine Verabredung zum Tee im 60 Kilometer entfernten Qir. Miryam, Bijian und ihre Kinder haben wir auf dem Weg nach Shiraz bei ihrem Wochenendhäuschen kennengelernt. Qir wird eingerahmt von Dattelpalme und hebt sich so als grüner Tupf von der sandigen, hügeligen Gegend ab. Aus dem Tee wird ein Mittagessen und aus dem Nachmittagsbesuch wird eine angenehme Nacht in der gekühlten Wohnung. Wir lernen die Familienfreundin Fatime kennen, die hier in einem ganz besonderen Büro arbeitet: 1972 wurde die Stadt von einem Erdbeben beinahe vollständig zerstört und in den folgenden Wochen wurden mit internationaler Hilfe Notunterkünfte erstellt. Japan hat sich was ganz Besonderes einfallen lassen, und die kleine Stadt mit einigen sehr futuristisch anmutenden Rundhäusern ausgestattet. Die Notunterkünfte werden mittlerweile als Büro, als Gym, Theaterclub und Atelier genutzt und im Grössten von allen hat die energetische Fatime ihren Showroom. Sie ist der Kopf einer Kooperative, die wunderschöne Kilims und Dattelpalmen-Flechtarbeiten herstellt. Kilims sind traditionelle Teppiche, die nicht geknüpft (das wären dann die Perserteppiche), sondern aus Schafswolle gewoben werden. Die traditionellen Muster sind zeitlos, doch die Farbwahl verrät, ob die Teppiche eher in den arabischen Raum verschickt werden, oder eher einen westlichen Besitzer suchen.
Auch mit Miryam und Bijian führen wir das Gespräch über ihre Hoffnung, den Iran zu verlassen und im Ausland ein unbekümmerteres Leben zu führen. Wir verstehen ihre Gedanken durchaus, aber wir teilen auch unsere Bedenken, dass das Leben im Ausland zwar einen freundlicheren politischen Rahmen bietet, aber keineswegs sorgenfrei sein wird. Hier haben sie ein etabliertes soziales Leben, eine schöne, grosse Wohnung, gute Jobs und das gewohnte kulturelle Umfeld. Im Ausland wartet niemand, das Leben ist teuer, die eigenen Arbeitserfahrungen gelten unter Umständen nichts und die Kultur ist bestimmt nicht so herzlich wie hier im Iran. Doch wer sind wir, Ratschläge zu geben. Der Mensch scheint dazu zu tendieren, das wahre Glück immer anderswo zu vermuten. Eine Tendenz, die den Menschen antreibt, immer neue Horizonte zu erkunden. Vielleicht behindert sie uns aber auch oft, den Moment in all seiner Schönheit in uns aufzunehmen und das kleine Glück überall um uns herum zu wertschätzen. Wir sind uns vollständig bewusst, was für Glückspilze wir sind. Ganz bewusst versuchen wir, Details wahrzunehmen, uns über kleine Dinge zu freuen, dankbar zu sein für was wir machen, haben, sehen und für die unglaublichen Möglichkeiten, die uns dieses Leben schenkt.