Binu heiratet
Binu heiratet

Binu heiratet

Ein Grossevent der besonderen Sorte steht während unserer Zeit in Kathmandu an: Binu, Laxmis jüngere Schwester, ist nach vier Jahren in Australien ebenfalls für einen Besuch in Nepal zurück und verbindet die langen Ferien gleich mit einer prunkvollen Hochzeit. Die Vorbereitungen dafür sind hektisch und aufwändig und auch wir haben uns für den grossen Tag in Schale bzw. Sari zu werfen.

Laxmi und BK wirbeln für einige Wochen zwischen Arbeit, Familienverpflichtungen, Absprachen mit dem Hochzeitspalast und ausschweifenden Einkaufstouren umher, doch von den Augenringen ist am grossen Tag nichts mehr zu sehen.

Louie und ich helfen mit, wo wir können. Wir frittieren Nüsse, Cracker und Fladenbrote, versuchen uns darin, aus besonderen Blättern kleine Teller zusammenzustecken (weitgehend erfolglos) und dekorieren die Garage in Kusunti, wo Binu am Vortag der Hochzeit eine prachtvolle Hennabemalung auf die Hände und Arme bekommt.

Am grossen Tag werfen sich alle in ihre Festkleidung und wir staunen nicht schlecht über die prachtvollen Saris und Schmuckstücke, die insbesondere die Frauen spazieren führen. Es ist ein bisschen, als befänden wir uns an einer Prinzessinnenhochzeit in einem Märchenbuch. Gold (ob echt oder künstlich bleibe dahingestellt) und Glizzer und Blumen und überschwängliche Frisuren und Handtäschchen und Absatzschuhe und edle Stoffe und und… Während die Braut Binu schon seit dem Morgengrauen mit aufwendigen hinduistischen Ritualen beschäftigt ist, trifft der Prinz aka Pradip erst um den Mittag mit viel Getöse im Pferdefuhrwerk ein. Pradip ist Mitlitärangehöriger und als solcher wird ihm dieser Auftritt vom Arbeitsgeber offeriert. Eine Bläsertruppe samt Tambour sorgt lautstark für die akustische Untermalung; einige Familienmitglieder tanzen vor der Kutsche und der Prinz, der schliesslich aus der Kutsche steigt, bietet ebenfalls einen stolzen Anblick. Ehrenvoll wird er von Binus Vater und Familienangehörigen begrüsst und bald verlieren wir den Faden, was die Abfolge der Rituale und Programmpunkte betrifft.

Prinzessin Binu und Prinz Pradip verbringen einige Zeit sitzend vor einem Fussbad, wo ihnen sämtliche (neuen) Familienmitglieder die Füsse waschen und ihre Glückwünsche und Geschenke überbringen. Gleichzeitig verwandelt sich der Partypalace in eine riesige Fressmeile. Essen ist an einer solchen Hochzeit hier die Haupttätigkeit und der zentrale Programpunkt für die geladenen Gäste. Das Buffet hat vielfältig und reichlich zu sein. Und wirklich: Die rund 500 Gäste lassen sich nicht zweimal bieten und beigen sich die Teller schamlos mit den Köstlichkeiten voll! Was wir als Hauptgang vermuten, entpuppt sich lediglich als Apero…

Wir sind da, schauen und staunen, fotografieren, werden fotografiert und ich treffe ganz viele Leute, die ich von früheren Besuchen in Nepal kenne. Das ist Chris, der schon vor 14 Jahren sein Internetcafe in Lubhoo geführt hat. Rama, Sita und Mamata, die bis vor einigen Jahren im Narighar unterrichtet haben und so Teil von La Dhoka waren. Tanten und Onkel von Laxmi und Binu, die ich bei diversen früheren Gelegenheiten schon kennengelernt habe. Kinder, die mich mittlerweile um einen Kopf überragen und schon eigentlich junge Erwachsene sind.

Irgendwann zelebrieren der Bräutigam und die Braut ihren Abgang in der Kutsche, nur um eine halbe Stunde später zum nächsten, langwierigen Ritual aufzutauchen. Es ist nun Zeit für das Feuerritual unter dem reich verzierten Hochzeits-Mandap im Vorhof. Dieser offene Baldachin ist geschmückt mit Tüchern, Bananenblättern und Blumenbouquets und schon seit dem frühen Morgen schwelt ein Feuer zwischen den hübschen Mandala-Ornamenten unter der Stoffkuppel. Die zwei Priester leiten das Brautpaar genaustens an, als dieses scheinbar stundenlang Ghee (Butter), Reiskörner und verschiedene Samen ans heilige Feuer offeriert. Langwierige Passagen werden auf Sanskrit gemurmelt und das Mandap will sieben Mal rituell umkreist werden.

Manche Gäste schauen bei den Ritualen zu, doch die meisten sind nach wie vor mit der Nahrungsaufnahme beschäftigt. Die Blaskapelle untermalt die Vorgänge immer mal wieder mit einer pumpenden Melodie und die Angehörigen und Freunde von Pradip, die sich über die neue Braut zu freuen haben, legen einen schweisstreibenden Tanz aufs Parket.

Die Zeremonie endet erst beim Eindunkeln. Wenn wir das richtig verstehen, sind Binu und Pradip nun offiziell Mann und Frau. Die beiden werden in ein mit Blumengirlanden geschmücktes Auto gesteckt und wir winken unserer Binu zum Abschied zu. Sie fährt jetzt in ihr neues Zuhause und wir werden sie nur noch besuchshalber zu Gesicht bekommen. Pradips Familie ist nun ihre neue Familie. Das Zuhause ihrer Kindheit ist ab sofort ihr «Maiti-Ghar»- ihr «Mädchen- Haus», zu welchem sie selbstverständlich den Kontakt hält.

Doch Binu wäre nicht Binu, wenn bei diesem Arrangement nicht alles etwas anders zu und her ginge: In knapp zwei Wochen fliegt sie zurück nach Tasmanien, wo sie weiterhin zu arbeiten gedenkt und Pradip fliegt wenige Tage später zurück in den Libanon, wo er als Blauhelmsoldat zwischen dem Libanon und Israel stationiert ist. Wo die gemeinsame Zukunft stattfinden soll, scheint noch nicht ganz festgelegt. Aber das frische Paar überzeugt uns. Sie werden ihren Weg gehen!

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